Am Action-Genre scheiden sich manchmal wirklich die Geister. Nach den Hits der 80er wie "Stirb Langsam", "Rambo", "Lethal Weapon" und Co. gingen die neueren Vertreter dieses Genres zum Teil leider zu stark in Richtung Bombast und vergaßen das eigentlich Wesentliche, auf das jeder Fan steht: handwerklich toll gemachte, realistische und glaubhafte Action. Erst die "Bourne" Trilogie sowie die beiden letzen "James Bond" Filme mit Daniel Craig sind gewisserweise als eine Art Trendwende im Genre zu sehen.

Da kommt mit
96 Hours nun ein Streifen, der mich vorher null interessiert hat. Nach den vielen guten Reviews in unserem Forum habe ich ihn mir aber doch mal angeschaut und war durchweg positiv überrascht. Hatte einen stupiden Actionfilm erwartet - bekommen habe ich aber einen der intelligentesten und vor allem von der Thematik realistischten Actionthriller der letzten Jahre.
Liam Neeson, der mein vollstes Beileid für den Tod seiner Frau hat, ist hier in einer ungewohnt körperbetonten Rolle zu sehen. Dass ein sehr guter und vor allem wandelbarer Schauspieler ist, hat er schon mehrfach bewiesen. Von Charakterrollen wie in "Kinsey", "Michael Collins" und "Schindlers Liste" bishin zu Blockbuster-Rollen als Bösewicht in "Batman Begins" oder Jedi-Ritter in "Star Wars" hat der gebürtige Nordire schon alles gespielt. Umso überraschter war ich, ihn in einer Rolle zu sehen, die von der Veranlagung her gut zu Genre-Vertretern wie Jack Bauer ("24"), Jason Bourne ("Bourne" Trilogie) oder auch John McClane ("Stirb Langsam" Reihe) passen würde. Anders als die meisten Schauspieler im Action-Genre sind
Neesons Fähigkeiten jedoch nicht alleine auf das Aufspüren und Ausschalten seiner Filmgegner limitiert, was beides fraglos astrein realisiert wurde. Wenn sich Ex-Agent Bryan Mills um die Liebe seiner Tochter müht, nimmt man ihm das auf Grund
Neesons Schauspielstärke auch ab. Genauso glaubhaft sind die sorgsam dosierten ruhigen Momente des Films, in denen aus dem Gesicht des kompromisslosen Rächers dann doch der besorgte Vater blickt.

"Taken", bzw. im Deutschen kurioserweise mit der englischen Bezeichung
96 Hours tituliert, ist natürlich voll und ganz auf die Stärken seines Hauptdarstellers ausgelegt, der den Film jedoch scheinbar mit Leichtigkeit auf seinen Schultern trägt. Schauspielerisch ist da wenig Platz für andere Entfaltungen: "X-Men" Mutant
Famke Janssen kommt in ihren wenigen Szenen nicht über die Rolle der besorgten Mutter hinaus,
Xander Berkeley bleibt ebenfalls kein Raum für Entfaltung - um die beiden geht es aber auch kaum. Im Zentrum des Films stehen nunmal Vater und Tochter. Letztere wird verkörpert von "Lost" Star
Maggie Grace, die sich schauspielerisch kein Bein ausgerissen hat, jedoch trotzdem in der Rolle überzeugt.
Erfreulich ist die ungewohnte Oldschool-Art des Films. Setzen viele Hollywood-Actioner mittlerweile auf immer bombastischer explodierende Autos, Schiffe, Hubschrauber und Co., so kann
96 Hours mit handfester, handgemachter und vor allem realistisch wirkender Action punkten, was für manchen Fan mehr wert sein dürfte als die größe Explosion. Dabei braucht der Film verhältnismäßig lange, um so richtig "zur Sache" zu kommen. Die geschätzten ersten 25 Minuten sind jedoch keine vertane Zeit, sondern haben durchaus ihre Daseinsberechtigung, da hier die Entfaltung der Charaktere eindringlich und ausführlich vorgenommen wird, so dass später umso mehr Wert auf solide Action-Thriller-Unterhaltung gelegt werden kann. Hier ist das Handwerk des
Luc Besson eindeutig erkennbar; viele untalentierte Drehbuchautoren hätten aus dem Film wohl eine inhaltslose Bombast-Orgie ohne charakterliche Tiefe gemacht. Bryan Mills ist kein strahlender Gentleman-Held, sondern ein knallharter Vater, der sprichwörtlich alles tut, um seine Tochter aus den Händern von Menschenhändlern zu bekommen. An dieser Stelle auch ein Lob an Regisseur
Pierre Morel, der seine Job ausgezeichnet gemacht hat. Sehr solide und gute Inszenierung mit teilweise schnellen, jedoch nicht wie in den letzten beiden "Bourne" Filmen übertrieben hektischen Schnitten. Man ist immer mitten im Geschehen und bekommt keine Schwindelanfälle bloß vim Zuschauen, wie es sich leider bei vielen neueren Actionern verhält.
Letztendlich bekommt man mit
96 Hours einen überdurchschnittlich guten Action-Thriller der intelligenteren Sorte, der mit einem überragenden Hauptdarsteller und toller Oldschool-Action punkten kann. Kein Meisterwerk, aber durchaus ein starker Vertreter des Genres. Daher gibt es von mir